Ulla Schmidt und die Nationalelf

oder
Wie man politisch korrekt und sozial gerecht Weltmeister wird

Eine Burleske aus dem medizinischen Strafraum

Deutschland wird 2006 unter Umständen nicht Fußballweltmeister. Experten sehen gewisse Indizien dafür. Alles Jammern und Weinen hilft aber nicht: Der nationale Blick muß sich in die Zukunft richten! 2010 ist schließlich auch noch ein Jahr. Wenn wir es nur richtig wollen, könnte vielleicht schon in vier Jahren der Lederballhimmel über Deutschland wieder im Glanze leuchtender Goldpokale strahlen. Was aber ist zu tun? Könnten die gesundheitspolitischen Erfolgsrezepte der Bundesregierung(en) auf die Nationalelf übertragen werden? Wäre gar sinnvoll, wenn Ulla Schmidt Trainerin der DFB-Auswahl würde?

An der bisherigen Diskussion zur Qualität unserer Mannschaft nämlich erstaunt, daß die Forderung nach einer Verstaatlichung der Nationalelf, wie sie ja im medizinischen Bereich für Ärzte und Krankenhäuser seit über hundert Jahren vorangetrieben wurde, noch nicht erhoben ist. Folglich ist höchste Zeit, diese mögliche Dimension der Qualitätssicherung ernsthaft ins Auge zu fassen. Warum also wird der DFB nicht verstaatlicht, etwa in der Gestalt einer Körperschaft oder Anstalt des öffentlichen Rechts? Die hieraus entstehenden Entwicklungspotentiale wären enorm.

So könnten beispielsweise unsere Torhüter sehr viel engagierter – und damit auch für sich persönlich vorteilhafter – in den Zweikampf gegnerischer Stürmer grätschen, wenn sie wüßten: Als beamtete Ministerialdirigenten müßten sie auch im platzverwiesenen Verletzungsfalle niemals mehr um ihre Altersversorgung bangen. Ihr Einsatz im Kampf um den Ball würde härter, konsequenter, erfolgreicher.

Auch Spielern wie Michael Ballack kämen die öffentlich-rechtlichen Wohltaten und diverse dienstrechtliche Klarstellungen leistungssteigernd zugute. Wer nie mehr um die Sicherheit seines Stammplatzes bangen muß, der riskiert auch in schwierigen Situationen gerne einen intelligenten Alleingang durch die gegnerische Abwehr. Denn jedweder Rechtfertigungsdruck gegenüber beispielsweise sechs anderen frei vor dem leeren, gegnerischen Tor stehenden Mitspielern baut sich ja diesenfalls erst gar nicht auf.

Schließlich böte das tarifliche Dienstrecht für den – konsequenterweise zu gründenden und paritätisch aus allen irgendwie gesellschaftlich relevanten Gruppen zu besetzenden – nationalen Fußballrat jede Handhabe, selbst Jürgen Klinsmann zu jedweder Teilnahme an Veranstaltungen metasportlicher Art zu verpflichten.

Der staatliche Apparat mit seinen Zwangsinstrumentarien hat sich ja bekanntlich allerorten als gegenüber der Privatwirtschaft nachhaltig funktionsfähiger erwiesen. Hätten wir in Deutschland andere Aufgabenfelder wie Rente, Gesundheit oder Pflege marktwirtschaftlich und zivilrechtlich organisiert, wären diese sicher – jedenfalls nach Meinung der auszuerkürenden, neuen Bundestrainerin – schon längst zu Lasten künftiger Generationen unrettbar überschuldet.

Natürlich würde die neue Bundestrainerin bei der bloßen Verstaatlichung der Nationalelf nicht stehen bleiben. Auch das noch immer unverändert geltende Regelwerk für das Fußballspiel aus den harten Zeiten des englischen Manchester erführe unter ihrer Leitung selbstredend dringend die Reform und eine konsequente Befreiung von seinen unerträglichen neokapitalistischen, globalisierten Rahmenbedingungen. Es kann schließlich nicht sein, daß ein äthiopischer Fußballer weniger verdient, als ein brasilianischer! Und: Wäre es nicht eine wärmere Welt, wenn der Risikostrukturausgleich der Krankenkassen auch auf die Tore- und Punkteverteilung beispielsweise zwischen Bayern München und dem MSV Duisburg Anwendung fände? Würden nicht alle näher – und viel solidarischer – zusammenrücken, wenn niemand mehr absteigen muß?

Auch Interessenkonflikte heutiger Nationalspieler zwischen Vereins- und nationalen Pflichten lassen sich derzeit wegen der noch privaten, marktegoistischen Gewinninteressen der einzelnen Fußballer nicht vermeiden. Kann aber ein Fußballer, der außerhalb des internationalen Turniers im Ausland spielt, ein richtiger Nationalspieler sein? Diese und andere Fragen müßten endlich basisdemokratisch und selbstverwaltet innerhalb der Mannschaft geklärt werden. Die heutige Kapitänsfunktion muß also von einem mit Feldspielern und Torwarten paritätisch besetzten Elfer-Rat übernommen werden, an dessen Entscheidungen Fan-Räte und andere Nichtregierungsorganisationen Mitbestimmungsrechte erhalten sollten. Das öffentliche Interesse an einem entsprechenden Liga-Modernisierungsgesetz liegt offen auf der Hand.

Ein derart strukturiertes und sauber geplantes, behördliches System zur Berufung von qualitätsoptimierten Spielern in das nationale Kicker-Kollektiv wird Deutschland nicht nur insgesamt für die Zukunft fit machen. Es wird nicht zuletzt auch dafür sorgen, daß alle lokalen Sportvereine endlich von Staats wegen gesetzlich verpflichtet werden, die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, das unerträgliche gemeinsame Duschen mit Heterosexuellen zu beenden, wie es die Schutzgemeinschaft homosexueller Mittelfeldspieler schon seit langem mit Recht fordert.

Des weiteren kann durch eine konsequent verbehördete DFB-Kultur auch die notorisch beklagenswerte Diskriminierung der Frau auf dem Platz rigoros beendet werden. Die Hälfte der Spieler jedes Teams muß weiblich sein. Damit ist allerdings zugleich klar: Die überkommene Teamstärke von elf Teilnehmern je Aufstellung ist kulturell heute nicht mehr tragbar. Gespielt wird jetzt mit je zwölf Spielern (eine Reduzierung auf nur zehn Spieler würde das Laufpensum jedes einzelnen anteilig erhöhen, was mit den zu gründenden Spielergewerkschaften selbstredend nicht zu machen wäre; außerdem schafft diese Aufstockung der Mannschaftskopfstärke Arbeitsplätze).

Aus Respekt vor den Mitbürgern apostolischen Glaubens wird jedoch darauf zu verzichten sein, den schon thematisierten Spieler-Elfer-Rat in einen Zwölfer-Rat umzubennenen; hier muß der interkulturelle Respekt vor dem Glauben anderer jede mathematische Stringenz verdrängen, vergleichbar damit, daß auch in Flugzeugen unmöglich ist, in Reihe 13 zu sitzen.

So lange nicht in allen Ländern dieser Erde Stadien von gleicher Art und Güte gebaut sind, bedarf es im übrigen eines von der UNO überwachten Baustopps für alle anderen Arenen dieser Welt. Eine Überwachung per Satellit in Zusammenarbeit mit den toll-collect-Spezialisten unter Koordination des Bundesforschungsministeriums drängt sich auf und gäbe der deutschen Hochtechnologieforschung neue Impulse.

Es muß insbesondere endlich Schluß sein mit dem eiskalten, heuschreckenartigen Gebaren mancher Teams, gleich mehrere Tore hintereinander schließen zu können. Hier tut eine staatlich regelnde Intervention dringend Not. Wer ein Tor schließt, darf so lange nicht den eigenen Strafraum verlassen, bis das gleichstellende Gegentor gefallen ist! Erst wenn alle Flanken gerecht verteilt sind und die angemessene Teilhabe jedes Teams an den Fehlpässen einer Halbzeit verwirklicht ist, werdet Ihr erkennen, wie man die Bälle barrierefrei in das gegnerische Tor tragen kann!

Diejenige Nationalauswahl, die sich im übrigen weigert, wenigstens einen Schwerbehinderten in ihre Mitte aufzunehmen, wird durch eine Verbreiterung ihres eigenen Tores um einen Meter sanktioniert. Kompensatorisch wird ihr gestattet, durch einen ökologisch wertvollen Verzicht auf Stollenschuhe ihre Querlatte um 50 cm niedriger anbringen zu dürfen. Jedenfalls gilt dies dann, wenn das Spiel mit Bällen aus dem Leder gewaltfrei geschlachteter Rinder bestritten wird und die Tricots garantiert nicht von Kinderhänden genäht wurden. Davon, daß der Spielausgang hierdurch regelmäßig bis in letzte Sekunde offen sein wird, profitiert nicht zuletzt die am Wettbewerb stets interessierte Werbewirtschaft, weil die Zuschauer deswegen sicher länger im Stadion verweilen.

Um die internationale Transparenz kümmern sich multikulturell und diskriminierungsfrei bestellte Schiedsrichter, denen auch jedes Wetten unter Androhung schwerster Strafen verboten ist, es sei denn der Ziehungsbeamte hat sich vor dem Spiel vom ordnungsgemäßen Sitz der gelben und roten Karte überzeugt.

Ungeklärt ist bislang lediglich noch, wie das Anfeuerungsverhalten des Stationpublikums zu steuern ist. Bei der Auswahl und Zusammensetzung des Publikums muß behutsam auf gleiche akustische Stärke beider Anhängerschaften Rücksicht genommen werden. Eine statistisch belastbare Festsetzung von Schlachtenbummlerquoten mit datenschutzrechtlich unbedenklichen Auswahl- und Überprüfungskriterien ist eine originäre Gestaltungsaufgabe für die FIFA (selbstverständlich unter der Rechtsaufsicht des Staates).

Langfristig werden hier neutrale Austragungsorte an Stelle von „Heimspielen“ anzustreben sein, wobei Ausgleichszahlungen für die übermäßig entstehenden Anreisekosten für sozial benachteiligte Fußballfreunde organisiert werden müssen. Diese Reisekosten werden aus den sicher nach wie vor üppigen Spielergehältern zu subventionieren sein. Man darf ja bekanntlich nie vergessen: Nationalspieler gehören bei allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten schließlich immer noch zu einer bevorzugten Bevölkerungsschicht, wie etwa Ärzte, denen die Gesellschaft ihr privilegiertes Studium erst ermöglicht hat. Zu denken ist hier insbesondere an einen Solidaritätszuschlag auf Spielerlöhne, der in einen Topf bei der UEFA eingezahlt und dort nach den Erfahrungen kassenäztlicher Honorarverteilungmaßstäbe in public-private-partnership verwaltet werden kann. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Wer weiß: Vielleicht haben wir Deutschen unter solchen Regeln ja schon recht bald wieder ganz realistische Chancen, auch auf dem Fußballplatz wirtschaftlich effektivitätsoptimiert und mannschaftsärztlich qualitätsgesichert Weltklasse zu sein?

Anm.: Der Autor bestätigt auf ausdrückliche Nachfrage, vorstehend sarkastisch argumentiert zu haben. Anlaß, ihn in der nächsten dritten Halbzeit eines Länderspiels unter der Südkurve zu kreuzigen, besteht daher auch für begeisterte Fußballfreunde definitiv nicht; die Red.

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