Das Prinzip Verantwortungslosigkeit

von Carlos A. Gebauer

Man kann sich heute von oben bis unten blau tätowieren. Man kann sich Ohren, Lippen, Nase und Brauen piercen. Oder seine Haut mit lustigen Mustern narbig verätzen und mit Stahlstiften klammern. Man kann sogar bei bestimmten Paraden zu dumpf hämmernder Musik am Straßenrand öffentlich den Geschlechtsverkehr vollstrecken. Niemand wird gegen solches Tun vernehmlich Bedenken vortragen.

Auch dann wird sich hörbarer Widerspruch nicht regen, wenn der ohne jede medizinische Not so geschundene Körper anschließend auf Kosten einer Krankenkasse mühsam chirurgisch und dermatologisch wiederhergestellt wird. Selbst wenn nach fehlgeschlagenen Brustvergrößerungen therapeutische Begleitung für das Wiederannehmen des eigenen Körpers vonnöten ist, wird noch immer schweigender Konsens über das tolerierbare Handeln der Betroffenen herrschen.

Bittet man aber den Nachbarjungen während eines Sommers, gegen geringes Entgelt den Rasen im Garten kontinuierlich auf Schnitt zu halten, läuft man Gefahr, als Arbeitgeber eines Scheinselbständigen wegen gewerbsmäßiger Steuerhinterziehung in Tateinheit mit dem Vorenthalten von Gesamtsozialversicherungsbeiträgen strafrechtlich zu mehrjähriger Haftstrafe verurteilt zu werden.

Nur auf einen ersten, flüchtigen Blick haben der modebewußte Tatoo-Mann und der unkrautzupfende Knabe im Garten nichts miteinander gemein. Tatsächlich aber bilden sie die beiden Seiten ein und derselben Gesellschafts-Medaille. Dahinter verbirgt sich die Frage: In welchem Verhältnis stehen Individualismus und Kollektivismus zueinander?

Man denke an das Vorstellungsgespräch eines Jugendlichen bei einem mittelständischen Unternehmen auf dem Lande. An der Wange des Bewerbers baumelt lustig eine Fahrradkette, die ein sanftes „U“ zwischen Ohr- und Nasenring beschreibt. Ein grellgrün tätowierter Pfeil wächst aus dem Rollkragenpullover um das Kinn und endet abrupt am Mundwinkel. Findet unser Freund Arbeit? Oder verzichtet der Chef auf solcherlei Präsenz in seinem Ladenlokal? Weil jede vorsichtige Anregung, der Kandidat möge vielleicht ästhetisch dezent abrüsten, gleich als reaktionärer Angriff auf seine Persönlichkeit gewertet wird, bleibt alles, wie es ist. Und die Allgemeinheit alimentiert den erfolglosen Arbeitssucher.

Umgekehrt verfällt dieselbe Gesellschaft, die solcherlei Exzesse der übersteigerten Individualität ohne weiteres gutheißt, in einen geradezu wahnhaften Kollektivismus. Sie will alles und jeden in die Fänge ihrer mächtigen Sozialbürokratie einbinden. Auch der gesellschaftskritischste Einzelgänger zückt im Krankheitsfalle souverän die Chip-Karte seiner Krankenversicherung und beantragt mit versteinerter Miene die Verlängerung seines Rehabilitationsaufenthaltes im Luftkurort. Wieviel Bungee-Jumping, Felsenklettern und Hurrican-Surfing gäbe es ohne Lohnfortzahlung und die AOK? Der bisweilen überhebliche Blick eines machen Wessis trübt sich schnell, wenn man ihn – im rhetorischen Verantwortungsrausch gegenüber den Brüdern und Schwestern im Osten – vorsichtig auf seine eigene renten-, unfall- und pflegeversicherte Vollkasko-Existenz anspricht.

Richtig spannend wird es, wenn unsere Wiesen nicht mehr gemäht, der Hausstaub nicht mehr gewischt und die Hunde nicht mehr ausgeführt werden. Dann wird zu fragen sein: Individualismus ist toll – aber warum auf Kosten der anderen? Irgendwie wird Deutschland dann anders wirken. Nicht nur optisch.

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